Atmen.

von Ignatius Löckemann

Es passiert jeden Moment neu, einfach so. Tag und Nacht: Ich atme ein. Ich atme aus. Ich denke nicht darüber nach. Ich steuere es auch (meistens) nicht. OK, manchmal atme ich besonders tief ein. Es gibt so Momente. Manches Staunen oder Erschrecken lässt mich ruckartig ausatmen. Aber sonst: Ich atme ein. Ich atme aus. Ein einfacher, sanfter Fluss des Lebens, ein Lebensrhythmus von uns allen. Alles, was lebt atmet (irgendwie). Und jetzt Corona. Atmen wird gefährlich. So wird weitergegeben und übertragen. Atem wird eingeschränkt und behindert – ganz bewusst.

Ein evangelischer Kollege hat einen Gedanken beschrieben, der mich fasziniert hat: Wir atmen Luft. Und was wir so farbig über uns sehen und Himmel nennen, das ist Luft, die im Licht blau erscheint. 12 Kubikmeter Himmel atmen wir ein, Tag für Tag. Was für ein Gedanke: Himmel wird geatmet – ein und aus. Eingeatmeter Himmel baut mich auf, gibt Kraft, lässt leben, reicht bis in meine kleinste Zellstruktur. Himmel ist drinnen und Himmel ist draußen und um uns herum. Nicht ‚hier‘, nicht ‚da‘, sondern unter uns, in uns, um uns, über uns. Wie ging noch die Rede vom Himmelreich? Alles ist längst da (so mein Kollege, Thomas Hirsch-Hüffell: Dankeschön!).

Christi Himmelfahrt – das hat mit Himmel zu tun und mit Luft auch. Jesus geht. Von seinen Freunden verabschiedet er sich. Sie müssen jetzt allein klarkommen. Es gilt eigene Schritte zu tun: Herz gefasst, Augen auf, Schritte getan – und los! Der Herr und Meister ist gegangen – geblieben sind die Gleichgesinnten. Nicht oben, nicht unten, nicht größer oder kleiner: Schwestern und Brüder. Gemeinschaft. Kirche. Traum vom Neuen, vom Geistreichen.

Ja. Manchmal muss man es bewusst machen: Ich atme ein. Ich atme aus. Ich komme zu mir (und auch mal ‚runter‘). Ich werde gegenwärtig. Vielleicht bekomme ich eine Ahnung vom Kirchesein dabei und worauf es ankommt – auch auf mich. Alles ist längst da – du, ich und die anderen, Schöpfung und Welt, gute Worte und Gedanken. Jesus hat damit nicht gespart. Er hat uns gesagt, was wir befolgen sollen und was wichtig ist. Und etwas versprochen: Ich bin mit euch alle Tage (Mt Kapitel 28, 20).

Wenn wir atmen, lass uns das Leben spüren, Gott. Und deinen Atem in uns. Und die Verantwortung füreinander – für alle und alles. Und wem die Luft knapp wird, dem und der schenke ein Aufatmen. Amen.