Entdecker*in.

/ Blog / Impulse

von Ignatius Löckemann

Morgens früh, noch nicht ganz wach. Ich sollte längst auf sein… Jemand quengelt herum: Nun steh endlich auf, es wird Zeit…?! Noch fünf Minuten…! – Und zack: Die Bettdecke wird weggezogen. Ich liege da. Es wird kalt: Brr… Nicht schön.

An diesem Sonntag (28. SO/A – 11-10.2020) hören wir im Gottesdienst aus dem Buch Jesaja. Da steht etwas Ähnliches, wie diese Schock-Weck-Methode. Jesaja will Mut machen, denn seine Leute brauchen das. Er hat einen Traum, eine Vision. In all dem Schwierigen seiner Zeit ‚sieht‘ er etwas und gibt den anderen eine Perspektive: Gott verschlingt auf dem Berg Zion die Hülle, die alle Völker verhüllt, und die Decke, die alle Nationen bedeckt (Jesaja 25,7). Kraftvolle Worte. Eine starke Botschaft. Gott zieht die Decke weg, die Hülle. Morgens ist das nicht schön, zugegeben. Aber hier bedeutet es: Gott nimmt Grenzen weg, er entgrenzt. Beschrieben wird dazu ein feierliches Essen, ein Festmahl, zu dem alle eingeladen sind: ALLE – ohne Ausnahme. Alle an einem Tisch. Was für eine Aussicht – eine grenzenlose Menschheit…

Wir erleben grad viele Grenzen, etwa Corona-Risikogebiete. Hier werden Grenzen gezogen und Menschen irgendwie gebrandmarkt. Außerdem werden immer wieder Menschen diskriminiert und ausgegrenzt. Europa hält die Grenzen dicht. Manches macht uns Angst. Anderes verunsichert oder verleitet (ist da vielleicht was dran…?). Schicht um Schicht legen sich ‚Decken‘ und ‚Hüllen‘ über Menschen und Dinge. Gar nicht so leicht, damit umzugehen. Gott verschlingt die Hüllen, die alles verhüllen, und die Decken, die alles bedecken… Herrlich. Ich liebe dieses starke Bild. Und: Es nimmt mich auch in die Pflicht. Schau genau hin. Lerne zu unterscheiden. Hab Mut, die eine oder andere ‚Decke‘ auch mal wegzuziehen. Vielleicht entdeckst du dann, dass darunter auch ein Mensch liegt und anfängt zu bibbern, weil es ihm kalt geworden ist in all dem…

Gar nicht so selten braucht es Entdecker*innen. Mutige Menschen, die sich ein Herz nehmen und einfach wegziehen, was da verdeckt und verhüllt, Gott. Wenn es dem Leben entgegensteht, wenn die Würde von uns in Gefahr ist, wenn Liebe behindert wird – dann schenke uns den kleinen Mut, einen Zipfel in die Hand zu nehmen, und zu ziehen… Zack. Und: Amen.